James River – Eine Flussreise mit Geschichte

Meine Schwester schwelgt nochmal in Erinnerungen an unseren USA-Urlaub letztes Jahr. Heute hat sie sich den James River als Thema vorgenommen. Und auch ich wünschte, ich könnte die Zeit zurückdrehen und diese wunderschöne Reise nochmal erleben!

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UnbenanntSå er der fest! Så er der sommer! Så skal der laves hø! Så går turen til Tyskland! Så så, sådan er det bare. Das kleine Wörtchen „så“. Es gehört zu Dänemark wie smørrebrød und dannebrog. Und es ermöglicht einem eine ganz harmlose und unkomplizierte Weise, ein Gespräch zu beginnen oder einen Plan zu unterbreiten. Doch es kann noch mehr! Eine eigentlich unangenehme Sache, klingt durch ein kleines så am Satzanfang plötzlich gar nicht mehr so schlecht. Ein Beispiel? Så skal der ryddes op. So jetzt soll aufgeräumt werden. Ich weiß, das klingt auf Deutsch ziemlich komisch aber auf Dänisch ist es so charmant, dass keiner dieser Aufforderung nicht sofort folgen möchte. Jedenfalls beinahe. Så skal vi flytte til København. So sollen wir nach Kopehagen umziehen. Bringt man so seinen Lieblingsnachbarn das baldige Ende der freundschaftlichen Nachbarschaftsbande bei, kann er eigentlich nicht traurig darüber sein, denn das så impleziert schon fast die Vorfreude der Umzügler. Mit så kann man sich aus so mancher Also-ich-weiß-nicht-wie-ich-es-sagen-soll-Situation retten. Så er der slut. Jetzt ist es vorbei, aber bald beginnt etwas Neues. Ob es also am Wörtchen så liegt, dass die Dänen als eines der glücklichsten Völker der Erde gelten? Ich weiß es nicht, aber helfen tut es bestimmt. Vielleicht mag ich es auch deshalb so gerne, weil das Wort „so“ im Englischen ganz ähnlich verwendet wird. Ein Eisbrecher. Eine simple Einleitung. Der Anfang eines guten Gesprächs oder eines unverfänglichen Small Talks oder eben genau so einfach dessen Ende. Så…

Wann ist man eigentlich wirklich angekommen?

DannebrogMehr als 3 Jahre Dänemark liegen jetzt bereits hinter mir. Und so langsam stelle ich mir die Frage, wann man eigentlich wirklich angekommen ist in der neuen Heimat? Ich denke, an der Zeit kann man es nicht festmachen. Es gibt Menschen, die leben und arbeiten schon sehr lange in einem fremden Land, sind aber nie wirklich dort angekommen, fühlen sich nie wirklich zu Hause.

Vielleicht ist man angekommen, wenn der momentane Lieblingsohrwurm (Wer sich im dänischen Radio auskennt, merkt jetzt, dass ich diesen Artikel vor einiger Zeit angefangen hab) so geht:

Jeg har tjent en million
Og grædt en tåre for hver en krone
Jeg har fået mit drømmejob
Nu drømmer jeg om at sige op
For baby, mandag, tirsdag, onsdag, torsdag, fredag, lørdag, søndag
Sidder jeg alene
Og mangler det man ikk‘ kan købe for penge
Dit hjerte, Dit hjerte

Und so klingt  🙂

Vielleicht ist man angekommen, wenn man besagten Song laut mitsingen (und verstehen) kann?

Vielleicht ist man angekommen, wenn man beim Buchtitel Liselotte bleibt wach, Liesse-lodde liest, statt Li-se-lot-te.

2014-07-12 15.19.42Vielleicht ist man angekommen, wenn man auf der Landstraße immer 80 km/h fährt.

Vielleicht ist man angekommen, wenn zu einem richtig gemütlichen Abend nicht Chips und Tee gehören, sondern Bland-selv-slik und Sodavand.

Vielleicht ist man angekommen, wenn man von einem Sandwich erwartet, dass durch all den Belag vom Brot nichts mehr zu sehen ist und man sich mit einem lächerlichen Salatblatt, einer Scheibe Gurke und Tomate nicht mehr zufrieden gibt.

Vielleicht ist man angekommen, wenn man Euro und Kronen nicht mehr umrechnet, sondern einfach weiß, das 1000 Kronen eine Menge Geld sind und 1000 € noch viel mehr.

Vielleicht ist man angekommen, wenn man mehr Telefonnummern im Handy hat, die mit +45 beginnen als mit +49.

Vielleicht ist man angekommen, wenn man gerne jeden zweiten Satz mit „So“ anfangen möchte, da das dänische „Så“ so herrlich unkompliziert ist.

Vielleicht ist man angekommen, wenn man als Verabschiedung Tschüß, tschüß sagt, weil es ja auch hej hej heißt.

Vielleicht ist man angekommen, wenn einem das Wort Selter nicht mehr einfallen will und man stattdessen „dänisches Wasser“ denkt.

Vielleicht ist man angekommen, wenn man „Moin, moin“ für einen Abschiedsgruß hält.

Vielleicht ist man angekommen, wenn einem Dänemark so gar nicht mehr außergewöhnlich scheint und einem für diesen Blog deshalb die Ideen ausgehen.

Vielleicht ist man angekommen, wenn einen erneut das Fernweh packt.

Vielleicht ist man angekommen, wenn sich beim Überfahren der Grenze nach Dänemark ein wohlig-heimeliges Gefühl einstellt.

2015-01-30 19.01.45Vielleicht ist man angekommen, wenn einem das Fremde nicht mehr fremd erscheint und das altbekannte langsam immer fremder wird.

Vielleicht ist man angekommen, wenn man stolz ist, wenn man die dänische Fahne tragen darf.

Ob richtig angekommen oder nicht, mein Herz habe ich auf jeden Fall an Dänemark verloren, meiner mittlerweile dritten Heimat.  Hier fühle ich mich wohl, hier bin ich zu Hause.

Fælles-Mülltonnen? – Im Ernst jetzt?

2014-07-08 17.24.18Mein Vermieter ist hochauf begeistert. Bald geht es endlich los! Dann ist Schluß mit den stinkenden Mülltonnen im Hof! Ich bin weniger begeistert über die Aussicht meinen Müll bald die ganze Straße runtertragen zu dürfen, um ihn zu entsorgen. Nicht, dass mir die zusätzlichen Meter etwas ausmachen würden, aber mit meinen Mülltüten in die Öffentlichkeit? Muss das sein? Nichts mehr mit mal eben kurz in Jogginghose den Müll runter bringen. Jetzt heißt es dazu, Stadtfein machen und Schlüssel nicht vergessen…

Ihr versteht nur Bahnhof? Ich glaube, Schuld ist der dänische Gemeinschaftssinn. Der ist ansonsten eine ganz tolle Sache. Es gibt fælles tur (Gemeinschaftsausritt/ausflug), fælles spisning (Gemeinschaftsessen), fælles solceller (Gemeinschaftssolarzellen)… Man kann aus allem etwas Gemeinsames machen. Die Gemeinschaft ist den Dänen sowieso sehr wichtig. Auf ihre Volksgemeinschaft wird oft verwiesen und diese alle skal være med-Mentalität ist überall spürbar, sei es in der Schule, bei der Arbeit oder in der Freizeit. Alle sollen teilhaben können. Und diese Mentalität ist denke ich ein Grundstein für den dänischen „Wohlfahrtsstaat“, auch wenn dieser heute nicht mehr ist, was er mal war. Alle sollen die Chance haben sich zu beteiligen, ihren Teil zur Gemeinschaft beizutragen. Aber was um alles in der Welt, hat das mit meinem Müll zu tun?

2014-07-08 17.23.55Naja seit neuestem haben wir Gemeinschaftsmülleimer. Und damit ist nicht gemeint, dass wir aus einem Haus die Mülleimer teilen. Nein. Schön wär’s. Hier teilt gleich eine ganze Straße eine Anlage zur Müllentsorgung. Die Mülleimer sind in den Boden eingelassen und werden nur dann geleert, wenn sie voll sind. Damit hat sich zwar zumindest mein morgendliches Ruhestörungsproblem (siehe hier) gelöst, aber leider sind dafür oben bereits genannte Probleme neu entstanden. Und unsere idyllische Straße, an deren Ende ein kopfsteingepflasterter kleiner Platz mit einem schönen Baum und ein paar Sitzbänken zum Verweilen einlud, endet nun mit ein paar leider gar nicht unauffälligen Mülltonnen. Nur warum können die Dänen nicht verstehen, dass ich mich darüber so gar nicht freuen kann? Ganz im Ernst… Gemeinschaftsmülltonnen… ?!?

Das papierlose Land

Den täglichen Blick in meinen Briefkasten könnte ich mir eigentlich sparen. Leer. Natürlich.

digitalPostZweimal in der Woche findet sich darin ein jämmerlicher Haufen Werbung, der meistens nicht viel mehr als ein bis zwei Seiten beinhaltet, ansonsten herrscht gähnende Leere. Ich bekomme so gut wie nie Post. Super, denkt man: Keine Post, keine Rechnungen… Aber weit gefehlt! Natürlich flattern auch mir in regelmäßigen Abständen Rechnungen ins Haus, allerdings nie auf dem Postweg. Die Rechnungen landen in meinem E-Mail-Postfach, meiner e-boks (einer Art E-Mail für „offizielle“ Post, die jeder in Dänemark hat) oder direkt in meiner Online-Bank. Ja richtig gelesen. Manche Rechnungen kann ich mir direkt in mein Online-Banking schicken lassen. Der Betrag wird abgebucht und ich kann die Rechnung bei Bedarf direkt dort runterladen. Das alles liegt an Dänemarks Plan zur Digitalisierung. So wird (nicht nur) Energie und Papier gespart. Man kann (fast) alles online erledigen, nicht nur Rechnungen lesen und zahlen, auch Termine und Rezepte beim Arzt bestellen, eine neue Krankenkarte anfordern (die kommt dann allerdings mit der Post. Obwohl es gibt doch auch 3D-Drucker! Vielleicht spart man so in Zukunft noch mehr Zeit und Geld.), Umzug melden, Arbeitslosengeld beantragen, Steuerbescheide lesen oder dem Finanzamt Änderungen melden….

borgerEs gibt so gut wie nichts, was in Dänemark nicht von jedem beliebigen Computer mit Internetanschluss erledigt werden kann. Damit noch nicht genug. Man könnte es ja einfach dabei belassen, den Bürgern diese Möglichkeiten zur Verfügung zu stellen, aber nein, so einfach wollen es sich die dänischen Behörden dann doch nicht machen. Die Bevölkerung muss belehrt werden und ALLE sollen lernen, wie man alles online erledigt. Alle skal være med! Und so sieht man, wenn man dann doch mal einen Fuß in ein Bürgeramt setzen muss (zum Beispiel, weil einem der Führerschein geklaut wurde), eine junge engagierte Mitarbeiterin, die neben einem von 5 Computern steht, und einer zugegeben älteren Dame (schätzungsweise jenseits der 80) erklärt, wie sie ganz einfach online ihre neue Sundhedskort bestellen kann.

Achja und einfach so zum Schalter gehen und sein Anliegen vortragen, geht natürlich auch nicht. Erst muss man einem Computer sagen, was man gerne möchte. Dieser teilt einem dann eine Nummer zu und man wartet geduldig bis die eigene Nummer an einem der Schalter angezeigt wird. Und während des Wartens hat man genügend Zeit darüber zu schmunzeln, wie die junge, engagierte Mitarbeiterin daran verzweifelt, dass die ältere Dame nicht weiß, was eine Computermaus ist geschweige denn wie man sie bedient. God fornøjelse. Digitalisierung sei Dank!

Fredagsslik und onsdagskage

2014-07-12 15.19.42Die Dänen lieben Süßes. Und weil das so ist, haben sie sich etwas Schlaues einfallen lassen. In vielen Familien wurde es zu einer wahren Tradition. Einmal in der Woche durfte bei den Süßigkeiten richtig zugeschlagen werden. Das bekam dann natürlich auch einen Namen. Je nach gewähltem Wochentag wurde die Tradition zu fredagsslik oder vielleicht lørdagsslik? Meist lag dieser Tag am Wochenende und die Süßigkeitenorgie wurde als wahres Fest begangen. Die Familie versammelte sich im Wohnzimmer zum Beispiel um eine bestimmte Sendung im Fernsehen anzusehen und die süßen Köstlichkeiten durften mit ebenso zuckersüßer Brause runtergespühlt werden. Aber wieso schreibe ich von dieser herrlich dänischen Tradition in der Vergangenheit? Nun ja, zugegeben fredagsslik gibt es immer noch. Nur hat sich fredagsslik mittlerweile auf die ganze Woche ausgeweitet. Die Kollegin bringt jede Woche einen onsdagskage mit zur Arbeit, Montags ist beim Einen mandagslakrids angesagt, Dienstags vielleicht tirsdagswienerbrød beim Anderen? Und wer sagt überhaupt, dass man zum Süßigkeiten essen einen eigenen Wochentag braucht? Man könnte ja auch gleich die ganze Woche in Schokoladenwoche umtaufen, oder?

2014-07-12 15.19.32Nicht umsonst gehört Dänemark zu den Ländern in der Welt mit dem höchsten Pro-Kopf-Verbrauch an Süßigkeiten. Der Versuch der dänischen Regierung den Zuckerverbrauch im Lande durch eine Zuckersteuer zu mindern, ist kläglich gescheitert und auch die Medien können ihren Aufschrei nicht laut genug formulieren. Als Neu-Dänemark-Bewohner lässt man sich vom allgemeinen Zuckerrausch nur allzu gerne mitreißen und zelebriert nun ebenfalls fredagsslik und onsdagskage. Dem Angebot in den Supermärkten und erst recht beim Bäcker nebenan kann man sowieso kaum widerstehen. Wieso also nicht nach dem Motto leben: When in Denmark, do as the Danes do? Ach und all das herrliche Marzipan und das Lakritz und natürlich die Schokolade…

Doch dann klopft Frau deutsches Gewissen wieder bei mir an und ich besinne mich eines besseren und beschränke mich doch wieder auf lørdagsslik. Nur lørdags. Jeden Samstag 😉