Willkommen im Grenzhandel

2015-05-17 11.57.35
Einkaufstour auf Dänisch

Es ist jeden Samstag das gleich Schauspiel: lange Autoschlangen auf den Straßen Richtung Süden. Nein, keine Ferien, kein Urlaubsverkehr, nur der ganz alltägliche Wahnsinn im Grenzland. Die Blechlawine dänischer Kleinwagen rollt über die Grenze, nur um dann einige Zeit später deutlich überbeladen wieder den Rückweg anzutreten. Nicht umsonst haben die großen Supermarktketten wie fakta bereits mehrere Läden entlang der Grenze eröffnet. Wer kann, kauft in Deutschland ein, denn dort gibt es dänische Waren, zu deutschen Preisen, sagen die Dänen. Die klassischen Grenzhändler wie Fleggaard, Calle und Co. sind immer noch teurer als der deutsche Supermarkt, sage ich. Das Gedränge ist deshalb überall gleich groß. Egal ob bei Edeka, Lidl oder Aldi, überall wird Dänisch gesprochen, sowohl dänisches Bargeld als auch die Dankort akzeptiert. Die Parkplatzsuche wird zum reinen Chaos. Sogar Busparkplätzte stehen natürlich bereit. Die kleinen Orte an der Grenze bestehen scheinbar nur aus Einkaufsläden, einer neben dem anderen. Deutsche und dänische Einkäufer sind allerdings meistens leicht zu unterscheiden, nämlich am Inhalt ihrer Einkaufswagen.2015-04-28 20.16.14 Die Dänen kaufen Unmengen slik, ja Süßes in rauen Mengen. Gilt es dich sich von Platz 2 des Pro-Kopf-Verbrauches an Süßigkeiten (ja, weltweit sind die Dänen ganz weit vorn in dieser Statistik) auf Platz 1 zu verbessern. Da wandert auch schon mal der 3 kg Eimer Nutella in den Einkaufskorb. Und besonders gerne auch Getränke in Dosen, die sie pfandfrei nach Dänemark exportieren dürfen. Natürlich nur mit eksporterklæring, versteht sich. Aha, daher also die vorübergehend tiefergelegten Autos. Mittlerweile ist der Einkaufswahn der Dänen aber nicht mehr auf Süßigkeiten, Alkohol und Softgetränke beschränkt, sondern beinhaltet auch alltägliche Waren vom Klopapier bis zur Großpackung Reis oder Nudeln.

Und ich? Ich reihe mich jeden Samstag brav in die Schlangen ein, mache meinen Wocheneinkauf und schmunzele über meine Mitkämpfer im Einkaufsgetümmel, denn auch ich spare natürlich gerne die eine oder andere Krone. Was die Einkaufswanderung für die dänischen Geschäfte im Grenzgebiet bedeutet, verdränge ich ebenso wie wohl auch viele andere. Doch ganz vergessen kann man nicht, dass jede Krone, die in Deutschland ausgegeben wird, eben in dänischen Supermarktkassen fehlt…

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Wann ist man eigentlich wirklich angekommen?

DannebrogMehr als 3 Jahre Dänemark liegen jetzt bereits hinter mir. Und so langsam stelle ich mir die Frage, wann man eigentlich wirklich angekommen ist in der neuen Heimat? Ich denke, an der Zeit kann man es nicht festmachen. Es gibt Menschen, die leben und arbeiten schon sehr lange in einem fremden Land, sind aber nie wirklich dort angekommen, fühlen sich nie wirklich zu Hause.

Vielleicht ist man angekommen, wenn der momentane Lieblingsohrwurm (Wer sich im dänischen Radio auskennt, merkt jetzt, dass ich diesen Artikel vor einiger Zeit angefangen hab) so geht:

Jeg har tjent en million
Og grædt en tåre for hver en krone
Jeg har fået mit drømmejob
Nu drømmer jeg om at sige op
For baby, mandag, tirsdag, onsdag, torsdag, fredag, lørdag, søndag
Sidder jeg alene
Og mangler det man ikk‘ kan købe for penge
Dit hjerte, Dit hjerte

Und so klingt  🙂

Vielleicht ist man angekommen, wenn man besagten Song laut mitsingen (und verstehen) kann?

Vielleicht ist man angekommen, wenn man beim Buchtitel Liselotte bleibt wach, Liesse-lodde liest, statt Li-se-lot-te.

2014-07-12 15.19.42Vielleicht ist man angekommen, wenn man auf der Landstraße immer 80 km/h fährt.

Vielleicht ist man angekommen, wenn zu einem richtig gemütlichen Abend nicht Chips und Tee gehören, sondern Bland-selv-slik und Sodavand.

Vielleicht ist man angekommen, wenn man von einem Sandwich erwartet, dass durch all den Belag vom Brot nichts mehr zu sehen ist und man sich mit einem lächerlichen Salatblatt, einer Scheibe Gurke und Tomate nicht mehr zufrieden gibt.

Vielleicht ist man angekommen, wenn man Euro und Kronen nicht mehr umrechnet, sondern einfach weiß, das 1000 Kronen eine Menge Geld sind und 1000 € noch viel mehr.

Vielleicht ist man angekommen, wenn man mehr Telefonnummern im Handy hat, die mit +45 beginnen als mit +49.

Vielleicht ist man angekommen, wenn man gerne jeden zweiten Satz mit „So“ anfangen möchte, da das dänische „Så“ so herrlich unkompliziert ist.

Vielleicht ist man angekommen, wenn man als Verabschiedung Tschüß, tschüß sagt, weil es ja auch hej hej heißt.

Vielleicht ist man angekommen, wenn einem das Wort Selter nicht mehr einfallen will und man stattdessen „dänisches Wasser“ denkt.

Vielleicht ist man angekommen, wenn man „Moin, moin“ für einen Abschiedsgruß hält.

Vielleicht ist man angekommen, wenn einem Dänemark so gar nicht mehr außergewöhnlich scheint und einem für diesen Blog deshalb die Ideen ausgehen.

Vielleicht ist man angekommen, wenn einen erneut das Fernweh packt.

Vielleicht ist man angekommen, wenn sich beim Überfahren der Grenze nach Dänemark ein wohlig-heimeliges Gefühl einstellt.

2015-01-30 19.01.45Vielleicht ist man angekommen, wenn einem das Fremde nicht mehr fremd erscheint und das altbekannte langsam immer fremder wird.

Vielleicht ist man angekommen, wenn man stolz ist, wenn man die dänische Fahne tragen darf.

Ob richtig angekommen oder nicht, mein Herz habe ich auf jeden Fall an Dänemark verloren, meiner mittlerweile dritten Heimat.  Hier fühle ich mich wohl, hier bin ich zu Hause.

Fælles-Mülltonnen? – Im Ernst jetzt?

2014-07-08 17.24.18Mein Vermieter ist hochauf begeistert. Bald geht es endlich los! Dann ist Schluß mit den stinkenden Mülltonnen im Hof! Ich bin weniger begeistert über die Aussicht meinen Müll bald die ganze Straße runtertragen zu dürfen, um ihn zu entsorgen. Nicht, dass mir die zusätzlichen Meter etwas ausmachen würden, aber mit meinen Mülltüten in die Öffentlichkeit? Muss das sein? Nichts mehr mit mal eben kurz in Jogginghose den Müll runter bringen. Jetzt heißt es dazu, Stadtfein machen und Schlüssel nicht vergessen…

Ihr versteht nur Bahnhof? Ich glaube, Schuld ist der dänische Gemeinschaftssinn. Der ist ansonsten eine ganz tolle Sache. Es gibt fælles tur (Gemeinschaftsausritt/ausflug), fælles spisning (Gemeinschaftsessen), fælles solceller (Gemeinschaftssolarzellen)… Man kann aus allem etwas Gemeinsames machen. Die Gemeinschaft ist den Dänen sowieso sehr wichtig. Auf ihre Volksgemeinschaft wird oft verwiesen und diese alle skal være med-Mentalität ist überall spürbar, sei es in der Schule, bei der Arbeit oder in der Freizeit. Alle sollen teilhaben können. Und diese Mentalität ist denke ich ein Grundstein für den dänischen „Wohlfahrtsstaat“, auch wenn dieser heute nicht mehr ist, was er mal war. Alle sollen die Chance haben sich zu beteiligen, ihren Teil zur Gemeinschaft beizutragen. Aber was um alles in der Welt, hat das mit meinem Müll zu tun?

2014-07-08 17.23.55Naja seit neuestem haben wir Gemeinschaftsmülleimer. Und damit ist nicht gemeint, dass wir aus einem Haus die Mülleimer teilen. Nein. Schön wär’s. Hier teilt gleich eine ganze Straße eine Anlage zur Müllentsorgung. Die Mülleimer sind in den Boden eingelassen und werden nur dann geleert, wenn sie voll sind. Damit hat sich zwar zumindest mein morgendliches Ruhestörungsproblem (siehe hier) gelöst, aber leider sind dafür oben bereits genannte Probleme neu entstanden. Und unsere idyllische Straße, an deren Ende ein kopfsteingepflasterter kleiner Platz mit einem schönen Baum und ein paar Sitzbänken zum Verweilen einlud, endet nun mit ein paar leider gar nicht unauffälligen Mülltonnen. Nur warum können die Dänen nicht verstehen, dass ich mich darüber so gar nicht freuen kann? Ganz im Ernst… Gemeinschaftsmülltonnen… ?!?

Den sorte diamant

Unser Betriebsausflug letzten Mittwoch führte uns den weiten Weg bis nach Kopenhagen. Wir besuchten dort die dänische Nationalbibliothek „Det kongelige bibliotek“ und bekamen sogar von deren Chef persönlich eine Führung durch die Bibliothek, die sich eigentlich auf drei Gebäude verteilt, die jedoch alle miteinander verbunden sind. Der auffälligste Teil ist sicherlich der Neubau von 1999, der sogenannte schwarze Diamant, der direkt am Wasser steht. Von dort gelangt man in ein Zwischengebäude, das dem alten Bibliotheksgebäude von 1906 vorgelagert ist. Von diesem Zwischengebäude ist heute kaum noch etwas zu sehen, denn es wurde quasi eingebaut, von einer gläsernen Hülle. Nur innen im Gebäude kann man seine alte Backsteinfassade erahnen. Die dänische Nationalbibliothek fungiert auch als Universitätsbibliothek für die Universität von Kopenhagen und eigentlich lässt sie keine Wünsche offen. Im Neubau findet man neben Lesesälen und Informationstheken, ein Café, ein komplettes Restaurant mit Blick aufs Wasser, einen Konzertsaal und  verschiedene Ausstellungen. Im alten Gebäude schlägt das Bibliothekarsherz schneller beim Besuch der alten Magazinräume und beim Anblick des alten Lesesaals. Aber was soll ich noch viel dazu sagen? Seht einfach mal selbst:

Prioritäten und so

Mal wieder eine Episode aus „Dänemark, das Fahrradland“. In Deutschland würde sich kaum jemand bei Schnee und Eis mit dem Fahrrad vor die Tür trauen. Viel zu gefährlich, heißt es da. Die Dänen sehen das anders. Vielleicht aber auch, weil ihnen andere Möglichkeiten gegeben sind? Ein Beispiel:

2014-01-27 12.36.33So sieht es in Tondern aus, wenn es geschneit hat. Na, fällt euch was auf?

Gehweg geräumt? Nö.

Straße geräumt? Na ja.

Radweg geräumt? Aber hallo!

Es scheint, als würden hierzulande andere Prioritäten bei der Räumung von öffentlichen Wegen gesetzt. Im Land der Fahrradfahrer und Christianiaräder ist ein freier Radweg unablässig, eine absolute Notwendigkeit. Kein Däne lässt sich von dem bisschen Schnee abhalten seinen Drahtesel zu besteigen. Und um Unfälle auf dem Weg zur Arbeit, Schule oder in den Kindergarten zu vermeiden sind geräumte Radwege Gold wert. Der Aufwand rechnet sich schnell, bedenkt man all das gesparte Geld für ärztliche Behandlungen wie gebrochene Arme, Beine oder Schlimmeres. Was in Deutschland völlig sinnlos erscheint, da sich eh keiner mit dem Rad raus traut, hat in Dänemark oberste Priorität. Unmengen von Salz werden großzügig verteilt, denn wie man weiß gibt es in Dänemark auch eine dem Radfahrwahn entsprechende Menge an Radwegen, die es freizuschaufeln gilt. Und so gibt es für Radfahrer in diesem wunderschönen Land im Winter nur eine Gefahr: der aufspritzende Matsch, den die Autos von der Straße in Richtung Radweg befördern.

Gute Fahrt!

Hvornår kommer bussen?!?

Jahrelange Pendlererfahrung haben dazu geführt, dass ich mich mit dem öffentlichen Personennahverkehr ganz gut auskenne und mich in so gut wie jedem Bus- oder Bahnnetz recht schnell zurechtfinde. Ich mache mir keine großen Gedanken, wenn mich eine Bus-oder Bahnfahrt mal in „unbekannte Gewässer“ führen soll, ich also einen Ort besuche, den ich nicht kenne. Ich bin gut im Fahrplanlesen, Verbindungen raussuchen, Preistabellen auswerten. Doch was tut man, wenn man an eine Bushaltestelle kommt, die so (siehe Bild) aussieht???

bus

Ja das ist alles. Und obendrei eine ganz normale Bushaltestelle, wie es sie in (Süd)Dänemark fast ausschließlich gibt. Kein Fahrplan, keine Kundeninformation, nicht mal ein Hinweis auf mögliche SMS-Fahrpläne oder mobile Internetseiten, die man abrufen könnte, wenn man mit seinem Handy das mobile Internet nutzen würde (man bemerke den Konjunktiv). Das Problem ist nun für den fahrplangewöhnten Deutschen, dass er oder sie eventuell nicht vorher genug Informationen gesammelt hat und nun mutterseelenallein an dieser verlassenen Bushaltestelle auf den Bus wartet. Ohne Kenntnis davon, wann der Bus kommt, wohin er fährt oder wie die Haltestelle heißt, an der man sich befindet.

Ein weiteres Problem entsteht dann, wenn endlich ein Bus kommt und dieser auch noch in die richtige Richtung fährt, man aber nicht weiß, wo sich die Haltestelle befindet, an der man aussteigen möchte. Ansagen oder gar Anzeigen sind leider im Bus nicht üblich und so fährt man relativ ahnunglos nach dem Motto „Wo bin ich hier eigentlich gerade?“ durch die dänische Pampa. Auch so Busfahrerfahrene wie ich geraten an den Rand der Verzweiflung, wenn selbst die in Deutschland bewährte Ich-gucke-aufmerksam-aus-dem-Fenster-und-versuche-zu-lesen-an-welchen-Haltestellen-wir-vorbeifahren-Taktik versagt, wenn die Haltestellen keine Namen haben. Man kann sich also nicht mit Kenntnis der Haltestelle vor der Wunschhaltestelle retten und dann rechtzeitzig auf den Stop-Knopf drücken. Man drückt also irgendwann, wenn man der Meinung ist, man sei jetzt nah genug am gewünschten Zielort und hofft, dass der Bus nicht viel zu früh hält und man den Rest der Strecke laufen muss oder die nächste Haltestelle doch noch 2 Kilometer weiter liegt und man so im Prinzip am eigentlichen Ziel vorbeifährt.

In diesem Sinne, sei allen Menschen, die sich in Dänemark in das Abenteuer Busfahrt stürzen wollen eine gute Ortskenntnis und genaue vorherige Planung empfohlen. Wenn das nicht möglich ist: Viel Glück!