Wind ist nicht gleich Wind

Heute ist mir bewusst geworden, dass ich in den letzten vier Monaten zwei Dinge gelernt habe.

1. Der Wind stirbt nie. Er ist immer da, wenn man hier an der Westküste lebt. Die einzige Art dem Wind zu entgehen, ist sich in Gebäuden oder in windgeschützen Ecken vor ihm zu verstecken. Doch sobald man einen Fuß vor die Tür setzt packt er einen wieder. Er pustet einen vorwärts oder bremst den Schritt (oder den Schwung beim Fahrrad fahren). Er ist wie ein ständiger begleiter, den man niemals sieht. Merken tut man ihn aber immer.

Und das bringt mich zu 2. Wind ist nicht gleich Wind. Es gibt lauten Wind, der um die Ecken pfeift oder ein permanentes Rauschen erzeugt, es gibt leisen Wind, den man erst bemerkt, wenn man schon draußen ist. Es gibt Wind bei Regen und Wind bei Sonnenschein. Es gibt den Wind, der einem ins Gesicht schlägt und jeden Meter mit dem Fahrrad zur Qual macht. Es gibt kalten Wind, warmen Wind, der einem ums Gesicht schmeichtelt und die Haare in alle Richtungen verzwirbelt. Manchmal streichelt er sanft um dein Gesicht und fühlt sich ganz weich an. An anderen Tagen ist er hart wie tausend kleine Nadelstiche im Gesicht. Nur eines ist er nie: still. Drum gilt für alle Frauen: Feste Zöpfe flechten, Drei-Wetter-Taft oder eben doch Sturmfrisur jeden Tag. Zum Glück habe ich in den letzten vier Monaten auch gelernt, den Wind zu mögen. Wenn er warum und weich ist, wenn er mich mit dem Fahrrad 5 Minuten schneller zum Stall schiebt, wenn er viele rot-weiße Dannebrog vor blauem Himmel mit weißen Schäfchenwolken flattern lässt,  und wenn er mich an Windsurfen und Drachen steigen erinnert.

CPR

Die drei wichtigstens Buchstaben für Auswanderer nach Dänemark.

Endlich war es soweit. Nach langem Warten. Endlich gehörte ich dazu. Endlich hatte ich alle Möglichkeiten. Endlich hatte ich eine CPR-Nummer. Der Weg dorthin war aufregend und nur ein wenig komplizierter als erwartet. Doch der Reihe nach: was ist eigentlich eine CPR-Nummer? Ich sehe diese Frage förmlich in euren Gesichtern, während ich diese Zeilen schreibe.

Die CPR-Nummer ist der Universalschlüssel zum Leben in Dänemark. Sie öffnet alle Türen, jedoch bleiben ohne sie auch genauso viele Türen verschlossen oder sind nur mit einem Brecheisen zu öffnen und mit viel Kooperationswillen des Türstehers.  Die CPR-Nummer ist die Nummer, mit der man im Zentralen Personenregister (Det Centrale Personregister) eingetragen ist. Sie wird auch Personennummer genannt. Hat man es nach zwei bis drei Behördengägngen und einer mehr oder weniger langen Wartezeit geschafft endlich eine Personennummer zu bekommen, so kann man sich glücklich schätzen, denn erst jetzt kann das Leben in Dänemark so richtig an Fahrt aufnehmen. Stolz präsentiere ich also beim Eröffnen meines Kontos meine Krankenversichertenkarte, denn diese bekommt man, sobald man eine CPR-Nummer hat. Die Sygesikringskort oder Sundhedskort wird in Dänemark ähnlich wie der Personalausweis in Deutschland benutzt. Und schon ist das Eröffnen eines Kontos kein Problem. Ebenso bei der Anmeldung von Telefon, Internet und Handy. Einfach die CPR-Nummer eingeben und schwups hat der Anbieter auch schon alle nötigen Daten (Adresse und Name) aus dem Register gezogen. Beim ersten Versuch eine dänische Handynummer zu bekommen, musste ich die Frage „Har du et cpr nummer?“ leider verneinen und unverrichteter Dinge wieder von Dannen ziehen. Doch nun hatte sich auch diese Tür für mich wie durch Zauberhand geöffnet. Nur mit den magischen zehn Ziffern. Diese Nummer ist zwar lang, aber dennoch leicht zu merken, denn sie besteht zu einem großen Teil aus meinem Geburtsdatum. Was natürlich zur Folge hat, dass die Bibliothekare der dänischen Bibliothek jetzt ebenso wissen, wann ich geboren bin, wie die Apothekerin, bei der ich neulich ein Rezept abholte oder die Angestellten meiner Arbeitslosenversicherung. Aber wenn man ehrlich ist, hätten die meisten davon auch in Deutschland nach meinem Geburtsdatum gefragt. Hier bekommen sie es eben ungefragt auf dem goldenen Tablett serviert.

Mittlerweile muss ich meine CPR-Nummer nicht mehr ständig irgendwo angeben, was daran liegt, dass die meisten Anmelde-Vorgänge abgeschlossen sind, dennoch bin ich jedesmal ein bisschen stolz, wenn mich jemand fragt: „Har du dit cpr-nummer?“ und ich ohne zu zögern antworten kann: „Ja, det har jeg.“

Schmuddelwetter und sprachliche Stimmungsschwankungen

Der Frühling ist endlich da und was bringt er mit? Regen, Regen, Regen und ab und zu mal Sturm. Ein richtiges Schmuddelwetter. Da ist man froh, dass man in der Bücherei warm und trocken sitzt und für den Weg nach Hause einen Regenschirm in der Tasche hat. Aber ich will mich nicht beschweren, schließlich scheint hier auch oft genug die Sonne. Ich glaube die ersten acht Wochen hat sie durchgängig geschienen und mir den Start hier so ziemlich erleichtert. Da darf sie jetzt auch mal eine Pause machen, die Frau Sonne.

Mittlerweile sind seit dem Beginn meines Abenteuers Auswandern schon drei Monate vergangen. Zeit für ein Mini-Fazit, finde ich.  Nur wie kann man eine solche Zeit beschreiben?

Man könnte es mit vielen Adjektiven („Wie-Wörtern“) versuchen. Wie war diese Zeit? Wie war ich in dieser Zeit?

 aufregend, spannend, neu, fremd, hyggelig, anstrengend,

bürokratisch, mutig, windig, verunsichert, geduldig, ungeduldig, kurz,

winterlich, dänisch, deutsch, deutsch-dänisch, schwierig, verwirrend,

lustig, chaotisch, abwechslungsreich, lehrreich, herausfordernd, überraschend…

Ok, ich sehe ein, dass würde zu lange dauern und ist wahrscheinlich auch nicht für jeden verständlich. Vielleicht klappt es besser mit Zahlen? Wie wäre es mit einer kleinen Statistik des Auswanderns?

Zeitraum des „neuen Lebens“ bis dato in Tagen: 101

Arbeitstage: 66

durchgeführte Büchereiveranstaltungen: 5

Termine bei Ämtern: 4

Sprachunterricht in Stunden: 0

Ausritte: ca. 20

Heimaturlaube: 2

neue Telefonnummern in meinem Handy: 10

gelesene Bücher: 3,5

dänische Brötchen gegessen: 4

Naja, ich glaube so kommen wir auch nicht weiter. Eine turbulente Zeit liegt hinter mir und ebenso aufregende Tage liegen vor mir. Ich lerne trotz 0 Stunden Sprachunterricht immer mehr Dänisch auch wenn ich an manchen Tagen das Gefühl habe, dass außer mir hier keiner Dänisch spricht… Sonst würde ich die Leute ja verstehen, nicht? So äußern sich diese sprachlichen Stimmungsschwankungen: Mal versteht man jedes Wort und an anderen Tagen versteht man nur Bahnhof. Das ist nicht nur schwierig und anstrengend, es schlägt auch auf die Stimmung. Kommt so ein Tag, an dem einem die Worte fehlen und man sich fühlt als sitze man auf einer Seite dieser Sprachmauer und alle anderen sitzen fröhlich plauschend auf der anderen, so kann man eigentlich nur mit den Schultern zucken und sich sagen: „Morgen fange ich von vorn an und mache alles besser“.

In diesem Sinne: Bis morgen! 🙂